Shopify oder Shopware? Eine Entscheidungshilfe statt einer Featureliste

Die Wahl fällt nicht an der Featureliste, sondern an sechs Punkten: Varianten, B2B, ERP, laufende Kosten, Checkout und dem Team, das den Shop am Ende betreibt.

Die Frage kommt fast immer an derselben Stelle: Das Sortiment steht, das Budget ist grob umrissen, und bevor irgendwer über Gestaltung redet, will jemand wissen, auf welchem System das Ganze laufen soll. Shopify oder Shopware. Beides sind ausgereifte Systeme, mit beiden lassen sich ernsthafte Shops betreiben, und beide haben eine Anhängerschaft, die die jeweils andere Seite für einen Umweg hält.

Featurelisten helfen bei dieser Entscheidung wenig. Fast alles, was in solchen Tabellen steht, können inzwischen beide Systeme – nur mit unterschiedlichem Aufwand und an unterschiedlichen Stellen im Preisschild. Nützlicher ist die Frage, worin sie sich tatsächlich unterscheiden. Das sind aus unserer Projekterfahrung sechs Punkte: Variantenlogik, B2B, ERP-Anbindung, laufende Kosten, Individualisierbarkeit des Checkouts und die Frage, wer den Shop am Ende betreibt.

Wir gehen sie der Reihe nach durch und enden mit drei Profilen und je einer klaren Empfehlung. Damit es nicht zwischen den Zeilen gesucht werden muss: Wir arbeiten mit beiden Systemen – mit Shopware und mit Shopify. Dieser Artikel ist keine verkappte Werbung für eines von beiden.

Ausgangspunkt

Gemietet oder selbst betrieben – alles andere folgt daraus

Shopify ist ein Mietsystem. Du bekommst keinen Serverzugang, keine Datenbank und keine Update-Termine – und musst Dich um all das auch nicht kümmern. Sicherheitslücken schließt Shopify, ohne dass Du davon erfährst. Der Preis dafür ist, dass Du nur ändern kannst, was Shopify als änderbar vorgesehen hat.

Shopware kommt aus der anderen Richtung: Die Community Edition ist Open Source, Du lädst sie herunter, betreibst sie auf eigenem oder gemietetem Hosting und hast Zugriff auf jede Zeile Code. Dafür gehören Serverpflege, PHP-Versionen, Backups und Sicherheitsaktualisierungen Dir. Kommerziell gibt es darüber die Pläne Rise (ab 600 € pro Monat), Evolve (ab 2.400 € pro Monat) und Beyond mit individuellem Preis; SaaS- und PaaS-Betrieb laufen über den Shopware-Vertrieb.

Ein Punkt, der in Kalkulationen häufig fehlt: Seit dem 24. März 2025 gilt für die Community Edition eine Fair Usage Policy. Wer mit seinem Shopware-Shop mehr als 1 Mio. € GMV im Jahr macht, muss auf Rise, Evolve oder Beyond wechseln, um Zugang zu Shopware-Account und Extension Store zu behalten – andernfalls behält Shopware sich vor, beides zu sperren. Die Open-Source-Lizenz selbst ist davon ausdrücklich nicht betroffen: Der Shop läuft weiter, Du bekommst nur keine Erweiterungen und Updates mehr über den offiziellen Weg. „Kostenlos“ gilt bei Shopware also für die Lizenz und bis zu einer Umsatzgrenze, nicht für den Betrieb.

Kriterium 1

Sortimentsgröße und Variantenlogik

Hier trennt sich am schnellsten, wer welches System braucht – und hier hat sich zuletzt etwas bewegt. Shopify hat die Variantengrenze am 15. Oktober 2025 von 100 auf 2.048 Varianten pro Produkt angehoben. Das räumt einen jahrelangen Stolperstein weg: Ein Sortiment mit vielen Größen und Farben passt jetzt ohne Kunstgriffe hinein.

Was die Erhöhung nicht angetastet hat, ist die zweite Grenze: Ein Produkt darf weiterhin höchstens drei Optionen haben. Farbe, Größe, Material – Schluss. Wer eine vierte Achse braucht (Ausführung, Länge, Anschluss, Bedruckung), löst das in Shopify über Apps, Theme-Anpassungen oder mehrere Produkte. Das funktioniert, ist aber eine Umgehung und nicht das Datenmodell.

Shopware kennt diese Deckelung nicht: Eigenschaften und daraus erzeugte Varianten sind frei kombinierbar. Der Preis dafür ist Konfigurationsarbeit – und Aufmerksamkeit an Stellen, die man erst im Betrieb merkt. Große Variantenmengen schlagen auf Indexierung und Ladezeiten durch, und sie erzeugen viele sehr ähnliche Seiten. Welche davon in den Index gehören, ist eine eigene Entscheidung; wir haben sie im Artikel zu Shopware SEO ausführlicher beschrieben.

Als Faustregel: Bis drei Optionsachsen ist das kein Auswahlkriterium mehr. Ab der vierten ist es das entscheidende.

Kriterium 2

B2B – der Punkt, der sich 2026 verschoben hat

Bis vor kurzem war die Antwort einfach: B2B in Shopify hieß Shopify Plus. Seit dem 2. April 2026 stimmt das nicht mehr. Die nativen B2B-Funktionen stehen ohne Aufpreis auch in Basic, Grow und Advanced bereit – Firmenkonten und Firmenstandorte, Rollen und Rechte je Standort, Mengenregeln und Staffelpreise, Zahlungsziele mit Zahlungserinnerungen, Bestellnummern des Kunden, Nachbestellungen und das B2B-Theme „Trade“.

Die Grenze liegt woanders: drei aktive Kataloge über alle B2B-Märkte hinweg. Unbegrenzte Kataloge, die direkte Zuordnung eines Katalogs an ein einzelnes Unternehmen – also echte kundenindividuelle Preise – sowie Anzahlungen und Teilzahlungen bleiben Plus vorbehalten. Kontextbezogene Checkout- und Storefront-Anpassung über Shopify Markets gibt es erst ab Advanced.

Bei Shopware liegen die B2B-Komponenten im Plan Evolve, also ab 2.400 € pro Monat – Rise enthält sie nicht. Welche Bausteine genau dazugehören, verschiebt sich mit jedem Release, deshalb lohnt vor der Entscheidung der Blick in die aktuelle Funktionsliste statt in einen Blogartikel.

Unsere Einordnung: Wer ein paar Dutzend Firmenkunden mit Staffelpreisen und Rechnungskauf bedient, fährt seit April 2026 mit Shopify deutlich günstiger als vorher. Wer Firmenhierarchien, Freigabeprozesse und pro Kunde verhandelte Preislisten braucht, landet schnell bei Shopware Evolve oder Shopify Plus – und dann entscheidet die nächste Frage.

Kriterium 3

ERP-Anbindung: nicht ob, sondern welcher Konnektor

Beide Systeme haben belastbare APIs, beide werden täglich an Warenwirtschaften angebunden. Die Frage „geht das?“ ist deshalb nie die richtige. Die richtige lautet: Gibt es für Dein ERP einen gepflegten Konnektor, wer pflegt ihn, und was passiert, wenn er bei einem Major-Update stehenbleibt?

Dahinter steckt die Aufgabenteilung: Wo entstehen Preise, wo liegen Bestände, wo werden Kundengruppen geführt – im Shop oder im ERP? Wer diese Grenze nicht bewusst zieht, pflegt beides doppelt. Bei lagerlastigen Setups ist das der wichtigere Vergleich als der zwischen den Shopsystemen; am Beispiel JTL haben wir das im Artikel JTL vs. Shopware auseinandergenommen.

Kriterium 4

Laufende Kosten – vollständig gerechnet

Shopify veröffentlicht seine Preise, das macht den Vergleich einfach. Stand August 2026 für Deutschland: Basic 36 € pro Monat (27 € bei Jahreszahlung), Grow 105 € (79 €), Advanced 384 € (289 €), Plus ab 2.100 €. Mitarbeiterkonten sind gestaffelt: bis 5 bei Grow, bis 15 bei Advanced, unbegrenzt bei Plus.

Dazu kommen zwei Gebührenarten, die gern durcheinandergehen. Erstens die Kartengebühr von Shopify Payments: online 2,1 % bei Basic, 1,8 % bei Grow, 1,6 % bei Advanced, jeweils plus 0,30 €. Zweitens – und das ist die teure – eine zusätzliche Transaktionsgebühr, wenn Du einen fremden Zahlungsanbieter einsetzt: 2 % bei Basic, 1 % bei Grow, 0,6 % bei Advanced, 0,2 % bei Plus. Diese Gebühr geht an Shopify, zusätzlich zu dem, was der Anbieter selbst nimmt.

Bei Shopware steht auf der Rechnung erst einmal weniger: Community Edition 0 €, Rise ab 600 €, Evolve ab 2.400 € pro Monat, dazu optional Shopware Intelligence+ für 19 bis 29 € monatlich. Was auf der Rechnung fehlt, steht auf anderen: Hosting mit genug Leistung, regelmäßige Wartung, Erweiterungen aus dem Store und der Aufwand für Major-Updates. Genau deshalb ist der Satz „Shopware ist billiger, es ist ja Open Source“ so oft falsch – und genauso oft richtig, nämlich dann, wenn die Wartung ohnehin schon im Haus ist.

Rechenbeispiel für die Transaktionsgebühr: Ein Shop mit 1 Mio. € Jahresumsatz auf dem Basic-Plan, der nicht Shopify Payments nutzt, zahlt bei 2 % allein 20.000 € pro Jahr an Shopify – zusätzlich zu den Gebühren des Zahlungsanbieters und zur Monatsmiete. Auf Advanced wären es bei 0,6 % noch 6.000 €. Die Rechnung ergibt sich direkt aus den veröffentlichten Sätzen und ist der häufigste Grund, warum eine Shopify-Kalkulation nachträglich kippt.

Kriterium 5

Individualisierung – und was aus dem Checkout geworden ist

Beim Storefront-Design sind beide Systeme flexibel: Shopify über Themes und Liquid, Shopware über Twig-Templates und die Erlebniswelten im Backend. Der Unterschied liegt darunter – und am deutlichsten im Checkout.

Der Shopify-Checkout war nie frei anpassbar, und der Rahmen ist enger geworden. Für die Schritte Information, Versand und Zahlung wird checkout.liquid längst nicht mehr unterstützt; für die Danke- und die Bestellstatusseite wurden checkout.liquid und additional scripts am 28. August 2025 abgeschaltet. Für Shops ohne Plus endet die Übergangszeit bei den Script-Tags am 26. August 2026 – also in wenigen Tagen. Ersatz sind Checkout-Erweiterungen und Shopify Functions: ein definierter Satz von Erweiterungspunkten, kein freies Template. Wenn Dein Shop noch von Script-Tags im Checkout lebt, ist das gerade die dringendste Aufgabe auf der Liste, unabhängig von jeder Systemfrage.

Shopware kennt diese Grenze nicht: Der Checkout ist Twig, Du kannst ihn umbauen. Bezahlt wird das bei den Major-Updates. Der Sprung auf 6.7 brachte Symfony 7.3, Vite statt Webpack und Vue 3 im Administrationsbereich; mit 6.8 fallen die Stellen weg, die in 6.7 nur noch als veraltet markiert sind. Jede Anpassung, die Du heute machst, ist damit auch eine Position im Wartungsbudget von übermorgen.

Das ist der eigentliche Tausch zwischen den Systemen – nicht „kann“ gegen „kann nicht“, sondern begrenzte Anpassbarkeit ohne Update-Risiko gegen volle Anpassbarkeit mit Update-Pflege.

Kriterium 6

Wer betreibt den Shop im Alltag?

Die Frage klingt weich und entscheidet in der Praxis am härtesten. Shopify braucht niemanden, der Server versteht: Ein zweiköpfiges Team kann Themes wechseln, Apps installieren und einen ordentlichen Shop führen, ohne je eine Kommandozeile zu sehen.

Shopware self-hosted braucht dauerhaft jemanden: für Updates, für Deployments, für den Moment, in dem der Indexer nicht durchläuft. Das kann eine Agentur sein, das kann ein Entwickler im Haus sein – aber es muss jemand sein, und zwar nicht nur zur Einführung. Wer diese Rolle nicht besetzt, bekommt in zwei Jahren einen Shop mit veralteten Abhängigkeiten, den niemand mehr anfassen will.

Umgekehrt gilt: Ist die Rolle ohnehin besetzt, verliert das stärkste Argument für Shopify sein Gewicht – und die Rechnung sieht plötzlich anders aus.

Fazit

Drei Profile, drei Empfehlungen

Profil 1: B2C-Marke mit überschaubarem Sortiment. Höchstens drei Optionsachsen, kein ERP im Zentrum, kleines Team, Wachstum ist wichtiger als Individualisierung. Nimm Shopify – Basic oder Grow, und nutze Shopify Payments, damit die zusätzliche Transaktionsgebühr entfällt.

Profil 2: Sortiment mit echter Variantenkomplexität, ERP im Zentrum. Vier oder mehr Optionsachsen, gewachsene Prozesse, eine Warenwirtschaft, die den Takt vorgibt, und eine Agentur oder ein Entwickler dauerhaft an Bord. Nimm Shopware. Solange Du unter 1 Mio. € GMV liegst, ist die Community Edition ein ehrlicher Startpunkt; darüber planst Du Rise von Anfang an mit ein.

Profil 3: B2B mit Firmenhierarchien und verhandelten Preisen. Hier stehen sich Shopware Evolve und Shopify Plus gegenüber, und der Preisunterschied ist kleiner als er aussieht. Entscheide über die Frage, wo die Preis- und Freigabelogik leben soll: Im Shop – dann Shopware, weil Du sie dort bauen kannst. Im ERP, mit dem Shop als Schaufenster – dann Shopify Plus, weil Du die Betriebslast loswirst. Kommst Du mit drei Katalogen und Standardzahlungszielen aus, prüfe vorher, ob Advanced reicht.

Und wenn nach allen sechs Punkten beides gleich gut passt: Nimm das System, für das Du die Menschen hast. Ein gut betreuter Shopify-Shop schlägt jedes verwaiste Shopware-Projekt und umgekehrt.

Häufig gestellte Fragen

Nur auf der Lizenzzeile. Die Community Edition kostet 0 €, Hosting, Wartung, Erweiterungen und Major-Updates kosten Geld oder Arbeitszeit. Dazu gilt seit dem 24. März 2025 die Fair Usage Policy: Über 1 Mio. € GMV im Jahr musst Du auf Rise (ab 600 € pro Monat), Evolve oder Beyond wechseln, um Zugang zu Shopware-Account und Extension Store zu behalten. Der Vergleich wird erst fair, wenn Du bei Shopify die Monatsmiete plus Transaktions- und App-Kosten und bei Shopware den Betrieb mitrechnest.

Seit dem 2. April 2026 sind die nativen B2B-Funktionen ohne Aufpreis auch in Basic, Grow und Advanced enthalten: Firmenkonten, Firmenstandorte mit Rollen, Staffelpreise, Mengenregeln, Zahlungsziele, Bestellnummern des Kunden, Trade-Theme. Begrenzt ist die Katalogzahl auf drei aktive Kataloge. Plus brauchst Du für unbegrenzte Kataloge, für kundenindividuelle Preise per direkter Katalogzuordnung und für Anzahlungen oder Teilzahlungen.

Seit dem 15. Oktober 2025 bis zu 2.048 pro Produkt, vorher waren es 100. Die zweite Grenze ist geblieben und im Zweifel die wichtigere: höchstens drei Optionen pro Produkt. Wer eine vierte Achse braucht, arbeitet mit Apps, Theme-Anpassungen oder mehreren Produkten – oder nimmt Shopware, wo Eigenschaften und Varianten frei kombinierbar sind.

Ja, und es passiert regelmäßig in beide Richtungen. Der Aufwand liegt selten bei den Produktdaten, sondern bei allem daneben: Kundenkonten, Bestellhistorie, Rabattlogik, angebundene Systeme und vor allem die alten Adressen. Ohne saubere Weiterleitungen kostet ein Wechsel Sichtbarkeit, die Du danach monatelang zurückholst. Wie wir so eine Umstellung aufsetzen, steht unter Shopware-Migration.